Hymne/Gebete

Abendgebet (Di´a êvarî)

Aus:
Martin Affolderbach & Ralf Geisler
Die Yeziden         
EZW-Texte 192/2007, Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen

Weiterlesen...
 

Hymne für den Augenblick des Todes

Hymne für den Augenblick des Todes

Diese Hymne wird häufig bei Beerdigungen rezitiert. Darin wird die Entwicklung des Menschen beginnend mit der Zeit der vorgeburtlichen Entwicklung bis zu dem Zeitpunkt der Befragung seiner Seele durch den Grabesengel beschrieben. Dieser Qewl gibt einen einmaligen Einblick in die traditionelle yezidische Sichtweise wesentlicher Aspekte über Leben und Tod.
1. An einem jener Tage ...
Wissende Leute, die Kenntnis haben –
Lasst sie sich erheben und einen Bericht über den Tod geben.
2. Lasst weise, wissende Menschen kommen,
Lasst sie über diese Erklärungen nachdenken,
Lasst sie die Geheimnisse des Todes enthüllen.
3. Dieses Mysterium, das mich jetzt gerade tötet,
Erschuf meine Hände, Kopf, Füße und Körper
Indem es sprach: Armer Menschensohn, steh auf und lebe !
4. Dieses Mysterium erschien von oben
Und erschuf mein Geschick,
Wir sind damit zufrieden, ganz gleich, ob es  gering oder groß ist.
5. Es richtete sich ein im Ozean  der Wahrhaftigkeit
Und blieb dort neun Monate.
Durch seine Macht war dies möglich.
6. Durch diese Macht wurde es (das Mysterium) vollständig
Welch ein undurchsichtiger Ozean es doch ist.
Ich bin dein Sklave, ich wurde ein Junge.
7. Ich sann nach über jene Gedanken,
Über die Vollmacht, über die Aufforderung zum Handeln,
Ich wurde aus jenem Ozean entlassen, weit von ihm entfernt.
8. Ich wurde meiner Mutter weit entrückt
Und eingeladen, mich zu der Öffnung zu begeben,
Mit dem Kopf voran kam ich in den engen Durchgang,
Ich wurde auf den Körper meiner Mutter gelegt.
9. Die Familie, Verwandte und Nachbarn
versammelten sich um mich herum.
Mein Vater war den heiligen Männern des Prinzen dankbar,
Zur Freude der Versammlung der Fakire.
10. Zur Freude von Mutter und Vater
Spielen jetzt die Qewwal   auf der Trommel und der Flöte  ,
Gott, du machtest uns glücklich und wohlhabend.
11. Gott, du segnetest uns
Vor unserem Todestag.
Du hast uns glücklich gemacht mit einem Jungen.
12. Welch ein armseliger, kleiner Säugling,
Er  wurde in einen hölzernen Sarg gelegt
Nacht und Tag wird geschaukelt und geklagt.
13. Oh Gott, der du voller Güte bist,
möge dein Mitleid mit diesem Menschenkind sein,
das du zu unseren Füßen erhoben hast.
14. Ich lief gerade auf meinen Füßen
Als eine Seele meinem Körper erschien,
Oh Gott, ich floh zu dir.
15. Ich laufe auf meinen Füßen
mich beeilend, um das Geheimnis
meines Prinzen zu erfahren.
Ich bin meines Vaters großer Junge.
16. Was ist er doch für ein dummer Bursche,
Er ist zurückhaltend vor dem Mysterium seines Prinzen.
Sein Vater sucht eine Frau für ihn.
17. Welch weise und fromme Frau.
Die Blutsverwandtschaft der Frommen wird in ihr offenbar,
Sie trägt das Zeichen des Prinzen.
18. Sie trug das Zeichen des Prinzen – so Gott will –
Nach solchen Bemühungen
Oh Gott, machtest du uns zu Haushaltern.
19. Oh Gott, wir müssen nicht länger geduldig sein,
du gabst uns Gold und Besitztümer,
Es ist genug für uns zum Empfangen und Geben bis zu dem Tag
an dem wir sterben werden.
20. So lass’ uns geringe Geschöpfe
Die Wege der Wahrheit erkunden
Und verlegen werden im Angesicht
deines Namens und Andenkens.
21. Plötzlich  wurden wir überfallen,
Weder Besitztümer noch fromme Leute
blieben übrig ,
Weder Bruder noch Freund fragten nach unserem
Wohlbefinden.
22. Der Glücksvogel ist fortgeflogen
Warum hast du deine Gefühle uns gegenüber in Zorn verwandelt?
Deinetwegen kündigen Freunde und Jenseitsbrüder
ihren Umgang mit uns.
23. Deinetwegen kündigten Freunde und Jenseitsbrüder
ihren Umgang mit uns.
Wir hatten eine schwere Lebenszeit,
Sowohl elend als auch barfuß.
24. Ich bin dein geringer Diener
Du erschufst mich aus dem Staub des Nicht-Seins,
Gutes und Böses waren in deiner Hand.
25. Dir schreibe ich Gut und Böse zu
Möge deine wundertätige Stärke dort für mich da sein
Ich erhebe meinen Anspruch in deinem Namen.
26. Es ist dein Name, den wir im Gedächtnis  behalten,
Wir gedenken deines Wesens und deiner Hoheit.
Es gibt eine Vereinbarung , dass wir eines Tages sterben werden.
27. Eines Tages wurde ich bewusstlos
Ich war der Diener des Königs vom Thron
Ich fiel ins Bett und  Krankheit überwältigte mich.
28. Ich wurde von Krankheit überwältigt und fiel ins Bett.
Meine Verwandten kamen zu mir,
Sie konnten mich mit Gold und Besitztümern nicht zurück kaufen.
29. Weder mit Gold noch mit Besitztümern.
Mein Vater, der alte Mann,
Sprach: Mein Lieber, von allen meinen sieben Kindern
Sorge ich mich nur um diesen Sohn.
30. Weder mit Gold noch mit den Reichtümern dieser Welt.
Mein Vater, der alte Mann, der dem Tod nahe war,
Sprach: Mein Lieber, von allen meinen sieben Kindern habe ich
nur diesen Sohn.
31. Mein Vater sprach: Was soll ich tun, um  es
richtig zu machen?
Soll ich zehn Schafe opfern,
Soll ich mein eigenes Leben als Dankopfer verpfänden?
Mein Flehen richtet sich an den Propheten Ismail,
den ich anrufe.
32. Mein Flehen ist an den Propheten Ismael gerichtet
Mein Vater, der schlichte alte Mann,
Sprach: Ich habe Ehrfurcht vor der Macht und Majestät Ezrails .
33. Ezrail ist der Todesengel.
Er kommt an alle Orte, in alle Länder,
Er spricht: Ich bin gekommen, um die
Sieben (göttlichen Wesen, die das Leben brachten) zu überwinden.
34. Ezrail ist der Engel der Heiligen Männer,
Der die Kleidung und die Kopfbedeckung  der Fakire trägt.
Man sprach: Oh Gott, du hast uns zum Schlafen gebracht
wie einen Luftzug.
35. Ich bin Ezrail, das ablehnende, überirdische Wesen,
Ich fliege um die Städte herum.
Ich bin nicht gekommen, um über irgend jemanden zu wachen,
Sondern, um Vater und Sohn voneinander zu trennen.
36. Ich bin Ezrail, das überirdische Wesen mit dem Schlagstock
Rund um die Städte erscheine ich wie ein Feuerfunke
Ich bin nicht gekommen, um über irgend jemanden zu wachen
Ich bin gekommen, um diesen Körper seines Atems zu berauben.
37. Unsere Geschichte handelte davon:
Die Seele ist eine Fremde für Hände und Füße geworden,
Davon handelte unsere Geschichte.
38. Das Mysterium stritt mit der Seele,
diese löste sich sanft von Händen und Füßen
Und  sogleich erkannte sie dort ihren Herrn.
39. Frauen und Männer trauern um mich
Lasst sie tief um mich trauern
Sie sprachen: So wurde ihm der Kelch des ewigen Lebens dargeboten.
40. Sie ließen mich (für die Beerdigung) nackend
Und legten mich auf eine Schicht Stroh und wuschen mich,
Sie brühten mich mit heißem Wasser ab.
41. Sie nehmen Maß für mein Leichenhemd
Die Abdeckplatte misst zweieinhalb Spannlängen
Oh, armer Menschensohn, so mach schon und nimm Maß.
42. Mein Leichenhemd misst achtzehn gaz .
Sie bedeckten den Körper damit,
Freunde und Verwandte (Neffen) weinen um mich.
43. Bitte, bringt zwei Pfosten her und
Befestigt sie miteinander mit Seilen
Und legt meinen Körper darauf.
44.  .........
Freunde und Brüder hoben mich hoch
Ich sagte meiner irdischen Heimstatt Lebewohl.
45. Ich wurde von meiner irdischen Heimstatt fortgetragen.
Jung und Alt rannten hinter mir her
Es ist doch erstaunlich wie sie eilen,
um Fremden zu dienen.
46. Sie brachten mich zum Friedhof
Und legten mich nieder in die Erde des Grabes.
Einige schrien wegen dieser Jugend,
Die nun vom Angesicht der Erde entschwunden war.
47. Als sie das Grab schaufeln
Von Ost nach West,
So ist da Niemand, der nicht vom Wein des Todes getrunken hätte.
48. Sie stellten mein Grab fertig
Und legten meinen Kopf hinein,
Ich sagte meinem alten Wohnort Lebewohl.
49. Meine Grüße an den alten Wohnort
Ich wurde mitten unter eine große Menge von
Leuten gebracht
Ich sprach: Oh Gott, du bist ein großherziger König.
50. Oh Gott, König des Thrones
Sie legen Felssteine auf meine Brust,
Jeder Stein ist zu nichts nütze.
51. Sie dichteten das Grab mit Lehm ab,
Hastig warfen sie Erde über mich
Sie errichteten zwei Grabsteine und sprachen:
Das ist so vorgeschrieben.
52. Bitte, erhebt eure Stimmen,
Betet  Beerdigungsgebete und Ya’sin   für mich
Sprecht Gottes und Tawusi Melek’s Namen für mich aus.
53. So wurde der Stein über meine Brust gelegt
Oh, feinfühlige, liebenswürdige Leute, die Ihr anwesend seid,
Ist es erlaubt, ein wenig für Fremde zu weinen.
54. Ich wurde in eine Behausung ohne Türen gelegt.
Zwei Wesen erschienen, die schrien wie Wüteriche
Sieben Behälter mit Findlingen wurden über mich gelegt.
55. Zwei Wesen erschienen, die großen Lärm machten
Einer von ihnen ist taub, der andere stumm.
Sie befragen mich nach meinem Leben und den Zeiten.
56. Ich fürchte mich vor dem Tauben
Sein Schlagstock hat siebzig Spitzen
Täglich kommt er drei Mal, um mich zu sehen.
57. Ich fürchte mich vor dem Stummen
Er hat einen Schlagstock von siebzig batman  ,
Er ist derjenige, der zum Untersuchungsrichter meiner Seele geworden ist.
58. Wenn er seinen Schlagstock  vor mir erhebt
Erscheinen Blitze und Lichtstrahlen daraus
Meine inneren Organe werden vor Furcht
in Knoten verwickelt.
59. Wenn er mit dem eisernen Stock von diesem großen Gewicht
In der Hand nahe bei mir steht
Gelingt es meiner Zunge vor Furcht nicht mehr
zu funktionieren.
60. Zwei Wesen erschienen mir und
stellten mir Fragen
Ihre feurige Ausstattung so groß wie ein Thron:
Armer Menschensohn, von welcher Art Mensch,
von welcher Natur bist du?
61. Menschensohn, wo bist du?
Du stehst jeden Morgen auf und
bringst neue Sünden hervor
Wir haben überhaupt nichts Gutes von dir gesehen.
62. Menschensohn, in Wahrheit sind wir gut,
wir sind die zuverlässigen Diener des Allmächtigen
wir quälen keine Männer guter Taten.
63. Zwei Wesen erschienen mir, ihre Augen so groß wie
Schalen,
Ihre Finger waren wie die Treibstöcke für Ochsen,
Ihre Fingernägel waren wie Sensen
Ich sprach.:  Hundertmal möge jene Seele glücklich sein, die ohne Sünden,
ohne Schuld, ohne Verfehlungen ist.
64. Zwei Wesen erschienen mir, ihre großen Augen waren
wie Sterne.
Ihre Finger wie Spaten,
Ihre Fingernägel wie Messer.
Ich sprach: Hundertmal glücklich sind jene,
die gut sind; hundertmal unglücklich
die Seele, die Gott leugnet.
65. Zwei Wesen erschienen mir gerade jetzt,
Sie sind  hoch gewachsen, es ist eine bedeutende Stunde,
Meine inneren Organe zittern vor Furcht.
66. Zwei Wesen erschienen mir, schwarz wie Fakire.
Ihre Schläfenlocken sind weich wie Seide.
Darin war das Zeichen des Prinzen zu erkennen.
67. Als sie erschienen und voranschritten,
Gaben sie Worte von sich,
Sie waren sehr kenntnisreich.
68. Das war das entscheidende Wissen.
Diese göttlichen Begleiter brachten mich an den Fuß der
Sirat Brücke,
Das war der Ort, an dem Gott Fürsprache hält.
69. Diese Fürsprache ist folgendermaßen:
Auf der einen Seite der Sirat Brücke liegt das Paradies,
auf der anderen ist die Finsternis,
und auf der dritten Seite liegt die Hölle.
Es gibt Hilfe durch die Freunde und Jenseitsbrüder für ihre
Brüder, die Sünder.
70. Jene Vermittlung enthält ein Zeichen (Symbol)
Auf der einen Seite der Sirat Brücke ist das Paradies,
auf der anderen ist die Finsternis
und auf der dritten ist die Hölle.
Es gibt Hilfe von Freunden und Jenseitsbrüdern
für ihre Brüder, die Sünder.
Wir sind unzulänglich, Gott ist vollkommen.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - -
aus: Philip G. Kreyenbroek
Khalil Jindy Rashow
God and Sheikh Adi are Perfect
Sacred Poems and Religious Narratives
from the Yezidi Tradition
Wiesbaden 2005, S. 341 – 349
Deutsche Übersetzung: Gisela Prieß, 2010

aus Philip G. Kreyenbroek & Khalil Jindy Rashow

God and Sheikh Adi are Perfect, - Sacred Poems and Religious Narratives from the Yezidi Tradition

Wiesbaden 2005, S. 341-349

Deutsche Übersetzung: Gisela Prieß, 2010

Weiterlesen...
 



Unterstützen Sie uns